Allegorie des verdrängten Mitläufertums: Carl Merz’ und Helmut Qualtingers Herr Karl als österreichische ‚Banalität des Bösen‘
DOI:
https://doi.org/10.6092/issn.2785-3233/17001Parole chiave:
Carl Merz, Helmut Qualtinger, Der Herr Karl, banality of evil, Austrian post-war literatureAbstract
Mit dem Herrn Karl entwarfen Carl Merz und Helmut Qualtinger 1961 ein für die österreichische Theatergeschichte einzigartiges Volksstück in seiner „kritischen, mythen-zerstörenden Abart“ (Bobinac 1992). Der Skandal, den dieses einstündige Monodrama bei seiner Erstausstrahlung im österreichischen Fernsehen auslöste, war nicht zuletzt der entlarvenden Figuren¬zeichnung geschuldet: Im Mitläufertum, im Opportunismus und in der Wendehalsigkeit, mit der sich der titelgebende Herr Karl durch sein Leben schlägt, erkannte sich das Publikum wieder – die Nachkriegsmentalität des Verdrängens, Vergessens und Relativierens fand sich in ihren Grundfesten erschüttert. Der Beitrag möchte beleuchten, inwiefern Hannah Arendts Überlegungen zur ‚Banalität des Bösen‘ in Merz’ und Qualtingers Stück tatsächlich aufgehen und welche Aspekte der österreichischen Mentalitätsgeschichte darin sichtbar werden. Besonders deutlich könnte dabei die österreichische Erinnerungskultur und ihr Umgang mit den traumatischen Ereignissen zum Vor¬schein kommen – zumal in einer Nation, die sich bereits vor Kriegsende als erstes ‚Opfer‘ Hitler¬deutschlands zu positionieren suchte.
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